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Der VDBIO von gestern bis morgen

1968, mein erstes Jahr von insgesamt 32 Jahren im Dienst der Vereinten Nationen (VN), war eine Zeit des Kalten Kriegs. Der Geist von Yalta und der multilaterale Optimismus von San Francisco waren schnell einem Ost-West-Konflikt gewichen. Die VN hatten ein wahrhaftig westliches Gesicht. Die Zentrale der VN war in New York, die der Weltbank und des Währungsfonds, zweier VN-Sonderorganisationen, in Washington. Der Völkerbund hatte sein Hauptquartier, das Palais des Nations in Genf, 1946 an die VN als europäische Zentrale übergeben. Die UN-Charta weist darauf hin, dass die Auswahl der VN-Bediensteten „auf möglichst breiter geografischer Grundlage vorzunehmen ist“. In den Anfangsjahrzehnten der VN ist dies nicht möglich gewesen. Für viele Jahre wurden die VN-Mitarbeitenden überwiegend aus den USA und West-Europa rekrutiert.


China, Ständiges Mitglied des Sicherheitsrats, war in dieser Zeit nicht durch die kommunistische Volksrepublik, sondern durch Taiwans Kuomintang-Regierung vertreten. Drei der sechzehn Republiken der UdSSR, die Republiken Russland, Weißrussland und Ukraine, waren Mitglieder der VN-Generalversammlung. Die Schweiz gehörte immer noch nicht zu der neuen Völkergemeinschaft. Sie wollte ‚neutral‘ bleiben. Die gewollte Mitgliedschaft von Nord- und Süd-Korea, ähnlich wie die der beiden deutschen Staaten, scheiterte weiterhin an der Frage des Vertretungsanspruchs. Zu den 51 VN-Gründungsmitgliedern hatten inzwischen 64 weitere Länder die VN-Mitgliedschaft erworben. Viele andere, meist Länder, die als Kolonien auf ihre Unabhängigkeit warteten, hofften, in diesen Jahren als souveräne Staaten in die Weltgemeinschaft aufgenommen zu werden.


Einen VDBIO oder einen VDDBIO, der West- oder Ost-Deutschen mit Rat zur Seite stehen konnte, existierte in den 1960er Jahren nicht. Deutsche VN-Mitarbeitende aus der DDR gab es in dieser Zeit sowieso keine. Dafür waren Botschafter der BRD und der DDR bei den VN akkreditiert, die die jeweiligen Interessen unseres gespaltenen Landes dort vertraten. Heute kann man lächeln über die Aussage des französischen Literaturnobelpreisträgers François Mauriac, der damals meinte: "J’aime tellement l’Allemagne que je suis ravi qu’il y en ait deux." ‚Unsere‘ Vertretung in New York machte mir vor meiner Ausreise nach Ghana, wo in Accra mein VN-Leben begann, mit deutlichen Worten klar, dass ich stolz zu sein habe, weil ich zu der kleinen Gruppe von dreizehn Deutschen gehörte, die einen Zwei-Jahres Vertrag bei den VN bekommen hatten. Vorbereitungshilfe für meinen VN-Einsatz gab es keine, weder von der Bundesrepublik noch von den VN.

Bild aus dem dt. Bundesarchiv: Die Fahnen der BRD und der DDR wehen auf dem UNO-Gelände.

Drei Jahre vor der VDBIO-Gründungsversammlung in Genf unterschrieben 1973 in New York die deutsch-deutschen Außenminister Walter Scheel, für die Bundesrepublik, und Otto Winzer, für die DDR, die VN-Beitrittsurkunden. VN-Generalsekretär Kurt Waldheim zog zwei deutsche Fahnen hoch, aber nur eine – die west-deutsche – flatterte entspannt vor dem UN-Gebäude in New York. Die andere – die DDR-Fahne – wollte nicht flattern. Das aufgenähte Emblem mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz war zu schwer. Zynische Zungen meinten, die DDR müsse sich erst noch an die Luft der freien westlichen Welt gewöhnen.


Der Beitritt der beiden Staaten öffnete neue Türen für deutsche Mitarbeitende, besonders für Westdeutsche, weil diese sich ideologisch ungefiltert bewerben konnten. Die Zahl deutscher VN-Bediensteter stieg an und damit auch der Bedarf für eine deutsche Ansprechstelle. Die Geburt des VDBIO im Jahr 1976 kam zur rechten Zeit. Der „VDBIO-Matzner-Faktor“*, mein Hinweis auf die allgemeine Einsatzbereitschaft der VDBIO-Mitarbeitenden über die Jahre, darf nicht unerwähnt bleiben (Barbara Matzner hat mir über die 20 Jahre, die sie als VDBIO-Mitarbeiterin tätig war, immer wieder unermüdlich und hilfreich zur Seite gestanden.). In den ersten VDBIO-Jahren ging es meist um administrative Belange wie Wohnortfragen, Wahlberechtigung und Versicherungsangelegenheiten. Das Auswärtige Amt (AA) kümmerte sich bewusst nicht um die deutschen VN-Mitarbeitenden. Dem AA war wichtig, den internationalen Charakter der deutschen Mitarbeit im Sinne der VN-Charta zu achten. Eine Haltung, die von deutschen VN-Mitarbeitenden in dieser Zeit geschätzt wurde.


Öffentliche Aussagen über den Wert der VN erwecken häufig den Eindruck, dass es sich um eine strukturell homogene Einrichtung handele, die man als solche bewerten kann. Dem ist natürlich nicht so. Die VN wird von einem Dreifuß getragen, dem Sicherheitsrat und der Generalversammlung als Legislative, dem Sekretariat als Exekutive und dem Internationalen Gerichtshof als Judikative. Das verlangt eine differenzierte Bewertung. Was alle drei Säulen gemeinsam haben, ist die Notwendigkeit, sich kontinuierlich im Rahmen des globalen Geschehens anzupassen. Nur so kann die Relevanz, Effektivität und letztlich die Existenzberechtigung der VN erhalten bleiben. Die Staatenwelt hat sich im Laufe der vergangenen 75 Jahre erheblich vernetzt und geopolitisch bedeutend verändert. Die Zivilgesellschaft ist heute nicht nur Empfängerin politischer Entscheidungen, sondern immer mehr auch Mitwirkende.


Der zunehmende Prozess der Multi-Polarität und der globalen Entwestlichung seit Beginn des 21. Jahrhunderts haben die Dringlichkeit für neue Ansätze des Multilateralismus und grundlegende VN-Reformen, besonders des Sicherheitsrats und der Generalversammlung, erheblich erhöht. Auch eine Reform des Internationalen Gerichtshofs ist gefordert. Ein Gerichtshof, der meist nur ‚beratende Meinungen‘ (advisory opinions) erbringen kann, hat wenig Einfluss. Das VN-Sekretariat und das weitere vom VN-Generalsekretär geführte operationale VN-System haben in einem Dauermodus immer wieder wertvolle Anpassungen, oft mit Unterstützung des Sicherheitsrats und der Generalversammlung, vornehmen können. Wandel in den VN bedeutet Anpassung der Partnerschaften und damit auch des VDBIO.


Aus einem losen Zusammenschluss, meist auf der administrativen Ebene, von einzelnen VN-Sonderorganisationen, Fonds und Programmen, ist ein zunehmend integriertes System der Zusammenarbeit entstanden. Die Forderung nach einem UNO-Haus, einer oder einem VN-Koordinator/-in vor Ort, einem Programm, einem Team und einem Budget, werden immer mehr umgesetzt. Lokalwissen für die Durchführung von Projekten und Kooperation mit einheimischen Organisationen am Ort ist ein wichtiger Bestandteil der Zusammenarbeit geworden. Es muss als großer Fortschritt angesehen werden, dass Entwicklungsprogramme des VN-Systems heute nur dann genehmigt werden, wenn Menschenrechte, Gender-Aspekte, Nachhaltigkeit und Klimathemen einbezogen sind.


Für das VN-System bleiben natürlich viele Hindernisse und Widerstände. Zu diesen gehören auch die von Jahr zu Jahr ungewisse Finanzierung und die zunehmende Tendenz einzelner Geberländer, Beiträge für VN-Projekte zweckgebunden zu machen und damit den VN das Recht der inhaltlichen Eigenentscheidung zu verweigern. In Missachtung der VN-Charta versuchen Mitgliedsstaaten weiterhin, die Personalauswahl, besonders für strategisch wichtige Posten, in ihrem Interesse zu beeinflussen.


Eine sich deutlich intensivierende Zusammenarbeit in den letzten Jahren zwischen dem Sicherheitsrat, den VN-Sekretariatsabteilungen für politische Angelegenheiten und Friedenseinsätze und den VN-Büros im Feld hat vollkommen neue und für den Friedens- und Sicherheitsauftrag wichtige weitere Karrieremöglichkeiten geschaffen. Die hohe Mauer der Abschottung zwischen der politischen UNO und der operationalen UNO, die der Sicherheitsrat über viele Jahre bewusst aufrecht erhalten hatte, ist damit aufgebrochen worden. Die Kooperation zwischen nicht-staatlichen Organisationen des Nordens wie des Südens und dem Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) haben stark zugenommen und werden erweitert. Geringe Fortschritte gibt es auch in Kontakten zwischen der Generalversammlung und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen. Für den VDBIO bedeuten diese Entwicklungen, seine Zusammenarbeit mit den VN entscheidend auszudehnen.


Simplifiziert muss gesagt werden, dass die politische UNO trotz dieser positiven Veränderungen sich grundsätzlich weiterhin reform-unwillig zeigt und damit unfähig bleibt, Weltfrieden und internationale Sicherheit im Sinne der Charta zu fördern und zu wahren. Gleichzeitig, und trotz der Hindernisse, hat die operationale UNO als Exekutive erhebliche Fortschritte gemacht, um ‚internationale Probleme wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und humanitärer Art‘ effektiver anzugehen. Diese Erfolge werden jedoch begrenzt bleiben, solange die Großmächte sich nicht wirklich „multilateralisieren“, um überfällige Strukturreformen für das Wohlergehen einer zukünftigen Weltgemeinschaft durchzuführen.

Grafik: Die Welt ändert sich

Die VDBIO-Chronik macht deutlich, dass der Verband sich über die 45 Jahre seiner Existenz immer wieder flexibel anpassen konnte. Zu seinen ursprünglichen Aufgaben sind im Laufe der Jahre neue und wichtige hinzugekommen, wie die Mentoring-Programme und die Mitwirkung bei den Informationsmessen des AA. Die Zusammenarbeit des VDBIO mit anderen deutschen und europäischen Einrichtungen hat zugenommen. Als jemand, der den VDBIO von ‚innen‘ und von ‚außen‘ schätzen gelernt hat, meine ich, dass die sich entwickelnde Weltlage, die erweiterten VN-Aufgaben und Präferenzen besonders jüngerer deutscher Arbeitnehmender den VDBIO immer wieder vor große und neue Herausforderungen stellen werden. Die gegenwärtig stattfindende Zusammenführung von sicherheitspolitischen, friedenssichernden und entwicklungspolitischen Arbeitsbereichen der VN ist ein gutes Beispiel für erweiterte Arbeitsgebiete des VDBIO in der Betreuung deutschen Personals in den VN und anderen internationalen Organisationen.


Nationale auswärtige Dienste existieren, weil sie gebraucht werden. Dasselbe trifft zu auf den Dienst in den VN. Die Notwendigkeit einer solchen internationalen Behörde ist immer wieder von einzelnen Mitgliedstaaten in Frage gestellt worden. In den 75 Jahren ihrer Existenz ist, mit Ausnahme der Mitarbeitenden, die aus früheren Zeiten im Besitz permanenter Arbeitsverträge sind, für viele ein Element der vertraglichen Unsicherheit geblieben, meist wegen der ungewissen finanziellen Entwicklung. Hinzu kommt, dass es seit einigen Jahren nur noch sogenannte ‚fortgesetzte‘ (continuing) Verträge gibt. Dies sind häufig die Ursachen dafür, dass fähige Nachwuchskräfte, besonders aus den entwickelten Ländern, sich nicht bei den VN bewerben. Ein weiterer Grund hat zu tun mit der Vorstellung, dauerhaft an einen Arbeitsplatz in einer großen Bürokratie, oft weit von der Heimat, gebunden zu sein. Während dies durchaus der Fall sein kann, besonders für technisches Personal, existiert für die überwiegende Mehrzahl der internationalen VN-Mitarbeitenden eine ungewöhnliche und bereichernde Flexibilität des Einsatzes. Ein weltweites Netzwerk von Büros des VN-Systems ermöglicht regelmäßige Versetzungen, nicht selten auch zwischen verschiedenen VN-Einheiten, mit neuen inhaltlichen und geographischen Erfahrungsmöglichkeiten.

 

Zusammenfassend erscheinen mir folgende sechs Bereiche von zunehmender Wichtigkeit und Relevanz für den VDBIO und die deutsche Mitarbeit in den VN:

 

  • Die zunehmende Komplexität der Aufgaben der VN verlangt eine sehr viel breitere Vorbereitung für deutsche ‚Anfänger/-innen‘. Dazu gehören auch eine tiefere Auseinandersetzung mit der UN-Charta, besonders den Artikeln 100 und 101 und den Hinweisen auf den internationalen Charakter der Verantwortung aller Mitarbeitenden und das geforderte Höchstmaß an persönlicher ‚Ehrenhaftigkeit‘ (integrity).
  • Mentoring, Erfahrungsaustausch, Webinars und Teilnahme an relevanten Konferenzen und Diskussionen über VN-relevante Themen mit aktiven und ehemaligen Mitarbeitenden bleiben weiterhin wertvolle Einzelinitiativen, die ausgebaut werden könnten.
  • Ausscheidende deutsche Mitarbeitende sollten ermutigt werden, Erfahrungsberichte über ihren VN-Erfahrungen zu schreiben, die u.a. vom VDBIO und anderen ausgewertet werden sollten.
  • Das UN System Staff College (UNSSC) in Turin arbeitet mit vielen nationalen Einrichtungen zusammen. Der VDBIO gehörte bisher nicht zu diesen. Auch haben keine deutschen JPOs an Ausbildungsprogrammen des Colleges teilgenommen, jedenfalls nicht bis vor kurzem. Es wäre sicher gewinnbringend, wenn der VDBIO mit dem UNSSC und anderen nicht-deutschen Einrichtungen mit ähnlichen Aufgaben, zusammenarbeiten würde.
  • Immer wieder gibt es VN-Mitarbeitende, darunter auch deutsche, die aus ethischen oder moralischen Gründen zu Hinweisgeber/-innen (whistleblowern) über ernsthafte VN-Missstände werden und die VN verlassen. Es darf nicht sein, dass dieses Thema weiterhin ignoriert bleibt, sowohl innerhalb der VN als auch in den Mitgliedstaaten. Der VDBIO könnte diese Problematik aufgreifen und hilfreiche Empfehlungen erarbeiten.
  • Ein schwieriges und komplexes Problem für viele deutsche Mitarbeitende der VN ist das der sogenannten ‚Third Culture Kids‘. Es handelt sich um Kinder von – u.a. – IO-Familien, die in vielen Ländern aufwachsen und viele Schulen besuchen, selten allerdings deutsche Schulen, aber mit all den Vor- und Nachteilen eines solchen Lebens wurzellos geblieben sind. Dieses Problem zu untersuchen, zu beurteilen und in Zusammenarbeit mit dem AA und anderen deutschen Behörden Wege zu finden, die Nachteile abzubauen, könnte eine bedeutsame Aufgabe des VDBIO werden.

 

Große Turbulenzen liegen vor uns. Die VN werden mehr gebraucht denn je, um die Umwelt und die Menschheit zu schützen. Sie werden Mitarbeitende brauchen, die fachlich gut gerüstet sind und eine innere Verpflichtung für ihren Einsatz mitbringen. Für deutsche Mitarbeitende in den VN wird der VDBIO ein wichtiger Partner bleiben.

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Hans-Christoph von Sponeck

Hans-Christof von Sponeck war 32 Jahre bei UN/UNDP tätig, u.a. als Resident Coordinator in Botswana, Pakistan und Indien, Direktor des UNDP Europa-Büros in Genf und als Beigeordneter Generalsekretär, zuständig für das humanitäre Programm der UN im Irak. Nach dieser Zeit arbeitete er zehn Jahre lang an Ausbildungsprogrammen für Nachwuchskräfte am UN System Staff College in Turin mit.
Er ist heute Lehrbeauftragter am Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg.


 

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