Internationale Feldforschung außerhalb der internationalen Organisationen
von Jan Hoffmann, World Bank
Man tritt ein im Glauben zu wissen, was man will, und erkennt doch schnell die Grenzen der eigenen Kontrolle.
Es gibt VDBIO-Mitglieder, die die Welt bereisen, Schiffe zählen, Infrastrukturen vermessen oder Politiken vergleichen. Und dann gibt es diese andere Form der Feldforschung: das Hotel verlassen, um eine beliebige Ecke biegen und einen unbekannten Friseursalon betreten. Ohne Termin, ohne Empfehlung, manchmal ohne gemeinsame Sprache. Sich setzen. Den eigenen Kopf, ganz wörtlich, einem Fremden anvertrauen.
So entstand eine empirische Studie, so unwahrscheinlich wie faszinierend: Haarschnitte in fast 90 Ländern. Eine Zahl, die mit hoher Wahrscheinlichkeit als Guinness-Weltrekord gelten könnte. Was als biologische Notwendigkeit begann, Haare wachsen nun einmal, entwickelte sich zu einer Untersuchung über internationalen Handel, Globalisierung und Kultur, mit akademischer Ironie betitelt als „eine empirische Studie zu GATT und GATS“ (in englischer Sprache).






Die Logik ist zugleich makellos und herrlich absurd. Ein Haarschnitt ist eine nicht handelbare Dienstleistung. Man kann ihn nicht importieren, wenn er bereits gemacht ist. Doch die Inputs reisen um die Welt: deutsche Scheren, japanische Haarschneidemaschinen, italienische Stühle, französische Shampoos. In teuren Städten wird die Dienstleistung oft von Gastarbeitern erbracht, während die Produkte lokal sind. In günstigeren Städten ist der Friseur lokal, aber die Instrumente sind importiert. In kleinen Inselstaaten ist manchmal alles importiert, außer dem Kopf des Kunden. Der Durchschnittspreis liegt bei etwa acht Dollar, kann aber in Genf fünfzig erreichen oder in Lahore unter einen Dollar fallen. Globalisierung im Spiegel betrachtet.
Der Kern des Projekts liegt jedoch nicht in Tabellen oder Medianwerten. Er liegt im Überschreiten der Schwelle. Jeder Friseursalon ist ein kulturelles Mikrokosmos. Die Musik, die läuft, die Kalender an der Wand, die modischen Frisuren, die Gespräche zwischen den Kunden. Manchmal gibt es keine Worte, nur Gesten. Die Länge wird mit zwei Fingern angezeigt, auf ein Foto wird gedeutet, ein vorsichtiges Nicken besiegelt die Entscheidung. Das Risiko ist real. Ein misslungener Haarschnitt braucht Monate, um sich auszuwachsen. Die „Stichprobe“ benötigt Zeit zur Regeneration.
Hier zeigt sich die erste Lebenslektion: Das Einzige, was bleibt, ist der Wandel. Haare wachsen, werden geschnitten und wachsen wieder. Moden vergehen. Städte verändern sich. Berufliche Wege verschieben sich. Der heutige Schnitt ist nicht endgültig, und auch der heutige Fehler ist nicht irreversibel. Alles ist in Bewegung.
Die zweite Lektion ist sokratisch. Man tritt ein im Glauben zu wissen, was man will, und erkennt doch schnell die Grenzen der eigenen Kontrolle. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ wird konkret, wenn man in einem fremden Viertel vor dem Spiegel sitzt und sich auf die Fähigkeiten eines anderen verlässt. Intellektuelle Demut ist dann keine Floskel mehr, sondern Erfahrung.
Die dritte Lektion, inspiriert von Mark Twains Geschichte über Tom Sawyer und den zu streichenden Zaun, betrifft Arbeit und Motivation. Der Wert liegt nicht immer in der Tätigkeit selbst, sondern in der Perspektive, aus der wir sie betrachten. Was eine lästige Pflicht sein könnte, wird zur Entdeckung, zum Forschungsprojekt, zur erzählenswerten Geschichte. Wer die Erzählung ändert, ändert die Erfahrung.






Das Projekt wurde auf LinkedIn, Twitter und anderen digitalen Plattformen verbreitet. Die Reaktionen verbinden oft ein Lächeln mit echtem Respekt. Manche Kollegen schlagen vor, die statistische Analyse zu vertiefen, Standardabweichungen zu berechnen oder nach Geschlecht zu differenzieren. Andere feiern schlicht die Originalität. Man schmunzelt, aber man lacht nicht darüber hinweg. Richtig verstanden ist es kein oberflächlicher Scherz, sondern eine andere Art, die Welt zu betrachten.
Am Ende zeigt die Studie, dass es keine strikte Grenze zwischen Arbeit und Leben, zwischen Reise und Kultur, zwischen Forschung und persönlicher Entwicklung gibt. Die Welt zu entdecken, erfordert keine großen Gesten. Manchmal genügt ein drehbarer Stuhl, ein Spiegel und das rhythmische Geräusch einer Schere.
Eine Barberstube nach der anderen.
Artikel aus dem VDBIO-Rundbrief, veröffentlicht im April 2026

Zum Autor:
Jan Hoffmann, ist seit über vierzehn Jahren Mitglied im VDBIO und engagiert sich regelmäßig als Mentor in unserem Mentoring-Programm.
Seine UN-Karriere begann er 1995 als Junior Professional Officer (JPO) bei der International Maritime Organization (IMO) in London, bevor er zur ECLAC (Economic Commission for Latin America and the Caribbean) in Santiago de Chile wechselte. Anschließend war er knapp 22 Jahre bei der UNCTAD (United Nations Conference on Trade and Development) in Genf tätig – zuletzt als Head of the Trade Logistics Branch. Seit Anfang 2025 ist er als Global Lead for Maritime Transport and Ports bei der Weltbank in Washington tätig.





