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Von den Vereinten Nationen zur Europäischen Union

von Thomas Hofmann, European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC)

 

In einer EU-Institution sind Abläufe um vieles geordneter und vorhersehbarer.

 
Grafik Wohin?

Als ich im Oktober 2007 bei der WHO mit einem 5,5-monatigen Kurzzeitvertrag anfing, war mir nicht so ganz bewusst, wer eigentlich mein neuer Arbeitgeber ist. Zwar kannte ich die Arbeitsinhalte der WHO schon gut aus früherer Zusammenarbeit, aber das Mandat einer UN-Organisation und dessen Bedeutung für das alltägliche Leben im Gastland sowie in der Arbeit mit den Mitgliedsstaaten wurde mir erst im Laufe der folgenden dreizehn Jahre klar. Auf zehn Jahre WHO-Regionalbüro in Kopenhagen folgten noch drei Jahre im WHO-Headquarter in Genf. Ich wurde somit zum WHO-„Profi“ auf verschiedenen Ebenen. Und wäre es im Jahr 2021 nicht mein „Turn“ gewesen, einen Familienkompromiss einzugehen und mich auf ein Land einzulassen, in dem alle Familienmitglieder leben wollen, dann wäre ich sicher bei der WHO geblieben.

 


Aber wie das Leben so spielt: Es hat sich dadurch ein unglaublicher Karrieresprung aufgetan. Beim European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) in Stockholm, wo ich schon immer wieder mal nach offenen Stellen geschaut habe, wurde mir nach einem erfolgreichen Bewerbungsverfahren eine Management-Position angeboten! Das bedeutete für mich, deutlich raus aus meiner Komfortzone zu treten, auch wenn der Arbeitsbereich der gleiche blieb. Was mir zu diesem Zeitpunkt wiederum nicht bewusst war: Abgesehen von der Management-Challenge wartete eine Umorientierung auf mich, was den Charakter und das Mandat meines neuen Arbeitsgebers angeht. Für die EU als politische Organisation zu arbeiten bedeutet, dass man zwar innerhalb der EU unter Freunden unterwegs ist, aber außerhalb der EU immer ein politisches Fähnchen trägt, das manche mehr, manche weniger mögen. Und das gilt sogar auch im rein fachlichen Arbeitsverhältnis zu UN-Organisationen, das man der politischen Linie der EU unterordnen muss. Als Fachexperte im Bereich Gesundheitswissenschaften/Public Health hat mich das wieder sehr an meine erste Arbeitsstelle im Bundesgesundheitsministerium erinnert. Insgesamt keineswegs eine negative Erfahrung, im Gegenteil, es ist erfrischend, den professionellen Handlungsspielraum unter neuen Parametern auszugestalten.

 


Dann gab es aber nach und nach auch noch Überraschungen, was das Versorgungssystem der EU für seine Angestellten angeht. Während man den oben geschilderten persönlichen Überraschungen vielleicht mit besserer Vorbereitung vorbeugen kann, so muss man aber damit rechnen, dass man den Schritt vom UN- ins EU-System (und vielleicht auch umgekehrt?) ohne nennenswerte Information gehen muss. Trotz Nachfrage beim UN Joint Staff Pension Fund (UNJSPF) wurde mir zum Beispiel vor meinem Wechsel kein Zeitraum genannt, innerhalb dessen ich meine Rentenansprüche basierend auf einem Rentenübertragungsabkommen übertragen lassen muss. Natürlich hat auch auf EU-Seite kein HR-Experte Erfahrung oder ein sonderliches Interesse, neue Angestellte dahingehend zu informieren. Kurz und gut, die Entscheidung wurde mir abgenommen, als ich nach 2,5 Jahren zufällig erfahren habe, dass die Frist abgelaufen sei. Angesichts der globalen Entwicklungen vielleicht gar nicht schlecht, 2-3 verschiedene Rentenansprüche zu haben, deshalb habe ich es auch damit bewenden lassen, alle beteiligten Personalabteilungen aufzufordern, entsprechende Informationen an Wechselnde anzubieten (was sogar umgesetzt wurde!). Es gibt aber weitere Situationen, mit denen ich mich schlechter abfinden kann. Weil das EU-Krankenversicherungssystem davon ausgeht, dass jeder EU-Bürger grundsätzlich Anspruch auf Gesundheitsversorgung in anderen EU-Ländern hat, ist die Erstattungspraxis sehr passiv. D.h. zum Beispiel, dass ich mir die Mühe machen muss nachzuweisen, dass eine bestimmte Behandlung in meinem Gastland nicht erstattet wird, bevor ich Erstattungsanspruch habe. Eine sehr bürokratische Angelegenheit! Auch die Praxis der Reisekostenerstattung ist haarsträubend. Nicht selten müssen Dienstreisende mehrere tausend Euro an Hotelkosten vorfinanzieren, ehe sie diese nach ihrer Rückkehr in einem mitunter mehrere Wochen dauernden Verfahren zur Erstattung geltend machen können. Das sind Welten im Vergleich zum UN-System, wo man vor Reiseantritt schon mal einen Pauschalbetrag auf dem Konto hat.

 


Wem das jetzt alles zu negativ klingt, dem muss ich noch sagen, dass es auch viele angenehme Seiten gibt. Abläufe in einer EU-Institution sind um vieles geordneter und vorhersehbarer. Unter Kollegen findet man schneller eine gemeinsame Linie, weil die Kulturunterschiede nicht ganz so groß sind. Wer die vielen globalen Diensteisen vielleicht wegen der Familie oder dem Freundeskreis belastend oder zu abenteuerlich findet, der findet es sicher ansprechend, dass hier die meisten Reisen in europäische Hauptstädte gehen.

 


Für mich waren die verschiedenen Stationen sehr bereichernd. Ich bereue es auch nicht, oft aus Zeitmangel heraus mir nicht allzu viele Gedanken im Vorfeld darüber gemacht zu haben, was mich erwartet. Unterm Strich sind wir Angestellte bei internationalen Organisationen hier wie dort Privilegierte, denen zwar oft viel Unsicherheit zugemutet und ein finanziell aufwändiger Lebensstil abverlangt wird, aber die auch gut versorgt sind.

 


 

Zum Autor: 
Thomas Hofmann, geb. 1971, ist Fachkraft im Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens mit ausgeprägter Expertise in der internationalen Zusammenarbeit sowie in der Vorsorge und Reaktion auf Krankheitsausbrüche und gesundheitliche Notfälle. Bevor er 2021 die Stelle als „Head of Section Emergency Preparedness and Response“ beim ECDC antrat, arbeitete er 6 Jahre im Bundesgesundheitsministerium sowie 13 Jahre bei der WHO, sowohl im Regionalbüro für Europa als auch im Headquarter.
 

  • Diplom-Gesundheitswissenschaftler/Master of Public Health

  • Langjährige Erfahrung in Fachabteilungen und Führungsebenen von Institutionen im öffentlichen Gesundheitswesen

  • Experte in Fragen der Meldesysteme, des Infektionsschutzes, der Pandemieplanung, der sektorübergreifenden Zusammenarbeit und des Notfallmanagements

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