Im Schatten großer Konflikte
Ein Blick zurück – 30 Jahre Dayton-Abkommen, ein Blick nach vorn – Perspektiven für eine weitere EU-Annäherung
Eindrücke von einer DGVN-Reise in den westlichen Balkan
Der letzte VDBIO-Winterrundbrief von Dezember 2025 enthielt einen Bericht über Beobachtungen einer Delegation der DGVN bei einer Studienreise nach Papua-Neuguinea im Sommer 2025 anlässlich des 50. Jahrestages der Gründung des „Independent State of Papua New Guinea“ - so der offizielle Staatenname. Nur drei Tage später traf auch UN-Generalsekretär António Guterres dort ein. Aber nicht nur der Bundesverband, sondern auch die Landesverbände der DGVN unternehmen Studienreisen, so z.B. diejenigen von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen 2024 nach Washington und New York und 2025 in den westlichen Balkan (Bosnien-Herzegowina, Serbien, Nord-Mazedonien, Republik Kosovo).

Die Reisegruppe im Haus der EU-Delegation in Sarajewo
Im Oktober startete eine aus 28 Personen (Deutsche, Österreicher, zwei Italiener, ein Schweizer) bestehende Gruppe von Personen quer durch nahezu alle Generationen und aus völlig unterschiedlichen Berufsfeldern von Wien aus nach Sarajewo. Angesichts der aktuellen schweren bewaffneten Konflikte (u.a. Ukraine, Gaza, Sudan) ist das bis heute immer noch in politischer Ungewissheit schwebende Schicksal von Bosnien und Herzegowina in der öffentlichen Wahrnehmung etwas in den Hintergrund gerückt. Der Jahrestag des Massakers an 8.000 bosnischen Männern und Jungen vor 30 Jahren und das im November 1995 unterzeichnete Dayton-Abkommen (dazu Hinweis auf die Erklärung der slowenischen Präsidentschaft im UN-Sicherheitsrat, veröffentlicht im UN Press Release SC/16268 vom 29. Dezember 2025) riefen die Ereignisse an die schlimmste Phase des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien in Erinnerung und boten einen terminlich genau passenden Anlass zur Auswahl dieses Zieles einer Studienreise. Und wie bereits bei der DGVN-Studienreise nach Papua-Neuguinea traf auch, dieses Mal zur genau gleichen Zeit, am gleichen Ort politische Prominenz ein: Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU-Kommission.
Die Reiseteilnehmer*innen führten innerhalb von zwei Tagen in Sarajewo Gespräche u.a. mit dem Bürgermeister der Stadt, mit Vertreter*innen des Ministeriums für Menschenrechte und mit Vertretern der EU-Delegation und des Hohen Repräsentanten. Der Hohe Repräsentant (vollständiger Titel: Office of the High Representative) ist eine durch das Dayton-Abkommen errichtete, mit Eingriffsrechten in die Souveränität des Landes ausgestattete Institution zur Wiederherstellung eines geordneten Staatswesens, ein in dieser Form zurzeit wohl einzigartiges völkerrechtliches Konstrukt mit einem Zweijahresbudget von knapp 6 Mio € und einer Personalstärke von ca. 100 Mitarbeiter*innen. Hoher Repräsentant ist seit 2021 Christian Schmidt, langjähriger CSU-Bundestagsabgeordneter und Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung, von 2014 bis 2018 Landwirtschaftsminister. Als zumindest teilweises Fazit dieser Gespräche könnte man sagen: In den ersten zehn Jahren nach Abschluss des Dayton-Abkommens hat sich die politische Lage wieder ein gutes Stück beruhigt, es sind geordnete Lebensverhältnisse eingetreten, aber die nachfolgenden Jahre waren und sind bis jetzt von Stagnation gekennzeichnet. Ein durchschlagender Erfolg zur Herstellung eines Staatswesens, in dem verschiedene Ethnien sich gegenseitig respektieren und in Harmonie zusammenleben, ist ausgeblieben. Wenn man einen Blick in die Schulbücher der Teilrepubliken des Landes wirft (Föderation Bosnien und Herzegowina, Republika Srpska, Verwaltungsbezirk Brčko), dann stellt man fest „children learn how to mistrust each other“ - so formulierte es ein schon seit einer Reihe von Jahren in Sarajewo lebender Gesprächspartner. Schmidts österreichischer Amtsvorgänger war offenbar darauf bedacht, sich möglichst wenig in die politischen Prozesse des Landes einzuklinken und vertraute auf Initiativen aus der Mitte der Bevölkerung. Im Lichte mangelnder Fortschritte bemüht sich Schmidt um stärkere Einflussnahme in der Rolle des Hohen Repräsentanten, aber bisher auch ohne sichtbare Ergebnisse.
Sarajewo bietet Reisenden zahlreiche Sehenswürdigkeiten und hat sich zu einer Touristenattraktion entwickelt. Es übt Anziehungskraft nicht nur auf Touristen, sondern auch auf Investoren im Tourismussektor aus, im Besonderen hierbei aus den Golfstaaten. Erwähnenswert ist die enge, quasi nachbarschaftliche Lage der Orthodoxen und der Katholischen Kathedrale, der Moschee und der Synagoge (laut Reisefrüher gibt es noch ca 1000 Mitglieder der örtlichen jüdischen Gemeinde), weswegen Sarajewo auch die Bezeichnung „Jerusalem des Balkans“ trägt. Sehenswert, um nicht zu sagen beeindruckend sind außerdem das städtische Museum, die Gedenkstätte der Erschießung des Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Ehefrau, die Altstadt und der Basar. Nicht verschwiegen werden sollte auf der anderen Seite die starke Luftverschmutzung, ausgelöst durch Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen, überwiegend russischem Gas.
Von Sarajewo aus ging die Weiterfahrt nach Srebrenica zum Besuch der aus türkischen Finanzmitteln erbauten Gedenkstätte für die Opfer der Massaker von 1995. Ungeachtet seiner landschaftlichen Reize und als Urlaubsgebiet in Frage kommenden Gegend bieten Srebrenica und seine Umgebung eher einen deprimierenden Eindruck. Mangels Fortschritten in der wirtschaftlichen Entwicklung oder bei der Neubelebung früherer Produktionsstätten (Beispiel: brachliegende Quelle und Abfüllanlage eines ehedem sehr bekannten Heilwassers, der einstigen Guber-Quelle) sind viele Bewohner weggezogen, der Leerstand von Häusern fällt ins Auge. Die gegenseitige Skepsis der bosnischen und serbischen Bevölkerungsgruppen verharrt auf hohem Niveau und blockiert einen wirtschaftlichen Aufschwung. Gleichwohl gibt es Ansätze für eine Entwicklung zu besseren Zeiten, zumindest auf der zwischenmenschlichen Ebene. Die Reisegruppe nahm an einer Fragestunde mit dem Bürgermeister der Stadt (Serbe) und dem Präsidenten des Stadtparlaments (Bosniake) teil, beide erweckten den Eindruck einer erfolgreichen kommunalpolitischen Kooperation. Gleichermaßen erfreulich war zu beobachten, wie – auch sonst auf der Welt – kulturelles Schaffen Menschen gerade in schwierigen Zeiten miteinander verbinden kann, hier im sog. „Haus der guten Töne“, einer Jugendmusikschule, und im Europahaus Srebrenica, das auch von deutschen Geldgebern unterstützt wird. Der Reisegruppe erhielt eine kleine Konzertaufführung.
Am Ende des Aufenthalts in Srebrenica stand ein Gedankenaustausch mit zwei österreichischen Militärs des EUFOR-Einsatzes, einer von europäischen Staaten gestellten Friedenstruppe, die auf der Grundlage eines Mandats des UN-Sicherheitsrates gemäß Kapitel VII der UN-Charta tätig ist. Bei den beiden Angehörigen des österreichischen Bundesheeres handelte es sich um Mitglieder eines Liaison and Observation Teams (LOT) der EUFOR-Althea-Mission. Diese LOTs sind flächendeckend in ganz Bosnien und Herzegowina eingesetzt und bilden für die Kommandeurin bzw. den Kommandeur der Mission die unmittelbare Präsenz der eigenen Kräfte in den Regionen. Sie halten engen Kontakt zu lokalen politischen Akteuren, nehmen Stimmungen in der Bevölkerung auf und tragen so zu einem aussagekräftigen Lagebild für die Entscheidungsebene in Sarajewo bei.
Von Srebrenica aus führte die Reise weiter in Richtung Skopje mit einem Zwischenaufenthalt in der serbischen Stadt Niš. In Niš war kein inhaltlicher Programmpunkt vorgesehen; nach einer kurzen Stadtführung wurde die Unterkunft bezogen und am folgenden Tag die Reise fortgesetzt. Den Teilnehmenden präsentierte sich dort ein deutlicher Entwicklungskontrast zu Sarajewo und insbesondere zu Srebrenica: ein modernes Stadtbild, gut ausgebaute Passstraßen und leistungsfähige Autobahnen vermittelten den Eindruck eines zumindest äußerlich sehr modern entwickelten Landes.
In Skopje standen erneut inhaltliche Gespräche auf dem Programm. Nach einem Briefing mit Vertreter*innen der Deutschen Botschaft in Nordmazedonien traf die Delegation zwei Aktivist*innen zivilgesellschaftlicher Organisationen. Beide Termine erwiesen sich als aufschlussreich. Insbesondere das Gespräch in der Botschaft bot Einblicke in ein Land, das sich in vielerlei Hinsicht von den zuvor besuchten Staaten unterscheidet. Während Nordmazedonien im Zuge des jugoslawischen Staatszerfalls eine weitgehend konfliktfreie Sezession erlebte, blieb eine Staatsgründung ohne Blutvergießen Bosnien und Herzegowina ebenso wie dem Kosovo verwehrt. Gleichwohl ist auch in Nordmazedonien die komplexe außenpolitische Gemengelage des Westbalkans deutlich spürbar.
Als gemeinsamer Nenner aller im Rahmen der Studienreise besuchten Staaten lässt sich der angestrebte Beitritt zur Europäischen Union benennen. Im Falle Nordmazedoniens waren und sind es jedoch benachbarte EU-Mitgliedstaaten wie Griechenland und Bulgarien, die diesem Vorhaben mit Vorbehalten begegnen. Besonders sichtbar wurde dies in der Umbenennung des Landes von Mazedonien in Republik Nordmazedonien, da Griechenland den Namen Mazedonien auch für eine eigene Region beansprucht. Ungeachtet dessen bleiben Sprache, Kultur und Kulinarik weiterhin mazedonisch. Bulgarien wiederum tut sich mit einer Anerkennung Nordmazedoniens schwer und betrachtet den Staat teilweise als historischen Irrtum; Sprache und Nationalgeschichte würden entweder als bulgarische Dialektform oder als nicht eigenständig interpretiert. Diese Auseinandersetzung um kulturelle Deutungshoheit zeigt sich bis in symbolische Details, etwa darin, dass die prominente Statue Alexanders des Großen offiziell nur noch als „Krieger zu Pferd“ bezeichnet wird.
Skopje bot den Teilnehmer*innen zudem einen architektonisch bemerkenswerten Eindruck mit Elementen aus der osmanischen Epoche, dem sozialistischen Realismus und repräsentativer Neubauarchitektur jüngerer Zeit. Ergänzt wurde dies durch ein vielfältiges kulturelles Angebot, darunter ein Holocaust-Museum, eine Gemäldegalerie mit mazedonischen Künstlern sowie ein Militärmuseum.
Nach dem Aufenthalt in Skopje erfolgte der nächste Grenzübertritt, diesmal in das benachbarte Kosovo. Dort standen insgesamt drei Termine auf dem Programm, von denen zwei auf Initiative der Teilnehmenden zustande gekommen waren. Zunächst besuchte die Gruppe eine Trainingsstätte des kosovarischen Fußballverbands, wo drei Verbandsfunktionäre vorgestellt wurden; anschließend fand ein gemeinsames Mittagessen mit einem kosovarischen Spieler statt. Dabei wurde deutlich, dass Sport zwar verbindend wirken kann, zugleich aber auch gesellschaftliche Trennlinien sichtbar macht.
Die beiden weiteren Termine waren stärker politisch geprägt. Am folgenden Tag wurde die Gruppe von Premierminister Albin Kurti sowie seiner außen- und sicherheitspolitischen Beraterin Fëllanza Prodrimja empfangen. Thematisiert wurden u.a. die ausgeprägte westliche Orientierung des Kosovo, der entschiedene Wille zum EU-Beitritt sowie die engen Beziehungen zu den deutschsprachigen Ländern, die sich nicht zuletzt in einer rund 600.000 Personen starken Diaspora in Deutschland, Österreich und der Schweiz widerspiegeln. Ein Besuch in der Deutschen Botschaft rundete das Bild ab und verdeutlichte die zentralen Herausforderungen des Landes, insbesondere den Einfluss Serbiens sowie die bis heute anhaltende Präsenz internationaler Streitkräfte als sicherheitspolitische Garantie.
Die Stadt Pristina vermittelte – ähnlich wie die zuvor besuchten Stationen – einen multikulturellen Eindruck. Auffällig waren zudem die zahlreichen österreichisch geprägten Kaffeehäuser mit einem breiten Angebot an Sachertorten und anderen Spezialitäten.
Am Ende bleiben zahlreiche Eindrücke einer äußerst abwechslungsreichen Studienreise durch vier Länder des Westbalkans. Ähnliche und zugleich unterschiedliche politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen, der gemeinsame Wille zum EU-Beitritt sowie eine geteilte, neue wie alte Geschichte vermittelten den Teilnehmer*innen ein eindrucksvolles Bild einer unmittelbaren Nachbarschaft südöstlich der Europäischen Union.
Artikel aus dem VDBIO-Rundbrief Nr. 187, veröffentlicht im April 2026
Zum Autorenteam:
Wolfgang Münch arbeitete von 1991 bis 1995 bei der Ständigen Vertretung UN New York (Arbeitsschwerpunkte: 5. Ausschuss der Generalversammlung, ACABQ) und war 1995 kurzzeitig Leiter des UN-Referates im Bundesministerium der Finanzen. Von 1996 bis 2005 war er Inspektor in der Gemeinsamen Inspektionseinheit des UN-Systems in Genf und von 2006 bis 2008 bei der Botschaft Nikosia (Wirtschaft und Finanzen, UNFICYP). Seit 2016 ist er im Ruhestand.
Kontakt:

Benedikt Roelen, geboren 1991, Oberstleutnant, studierte Politikwissenschaft, Italienische Philologie und Jura an der Universität Regensburg. Nach dem Masterabschluss Demokratiewissenschaft trat er in die Bundeswehr ein. 2020 führte ihn ein Einsatz nach Afghanistan, er verbrachte zudem mehrere Jahre in Italien als Austauschoffizier und am italienischen Generalstabslehrgang in Rom. Er engagiert sich ehrenamtlich in der Gesellschaft für Sicherheitspolitik und der United Nations Society Regensburg e.V. mit den Schwerpunkten Internationale Politik, Sicherheitspolitik und Multilateralismus.

Dieser Artikel gibt keinen offiziellen Standpunkt des VDBIO oder einer Organisation wieder, sondern basiert auf den persönlichen Eindrücken und Einschätzungen der Autoren.